Von dem Land hinab zu gehen (vs.2), 2021

Eisenguss, Beton, Rost

Fliesen: je 30x30x2,5cm / Pflanzen: je 50-100cm hoch

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Kunstsammlungen Chemnitz, 2021 Photos: @graukarte.info

Eine historische Quelle der Arbeiten von Fuchs ist die auf den christlichen Antijudaismus zurückzuführende Legende vom »Ewigen Juden«, die im 17. Jahrhundert entstand, und aus der sich die Namensgebung der Pflanze entwickelt hat. Ein Bildtypus des »Ewigen Juden« ist zunächst auf die religiöse Legende des Schuhmachers Ahasaveros zurückzuführen, der Christus während der Kreuzprozession einen Trank verweigerte und daraufhin verdammt wurde, ort- und heimatlos ewig zu leben. Die Dreimasterblume, auch The Wandering Jew genannt, ist eine robuste Pflanze, die sich schnell ausbreitet, starke Wurzeln bildet und unter widrigsten Umständen existieren kann – eine Überlebenskünstlerin der Natur […] 

[Fuchs’] Arbeit Von dem Land hinab zu gehen II (2021) nimmt die Gedanken [ihrer] Arbeit Der Wanderer (2020) auf und transformiert sie auf eine neue Ebene. Die nun aus Eisen gegossenen, filigran anmutenden Dreimasterblumen scheinen aus stabilen Betonbecken zu wachsen, wodurch ein Bild der Unbeweglichkeit, eine Momentaufnahme, suggeriert wird. Jedoch an der Stelle, wo sie aus dem erstarrten Material heraustreten, ist Rost entstanden. Der Prozess des Rostens braucht Zeit und wird häufig mit Verfall assoziiert. Lebendiger wird Rost in Verbindung mit äußeren Einflüssen wie zum Beispiel durch Wasser. Der Rost in der Installation wächst mit der Zeit weiter und bildet zarte »Wurzeln«, womit darauf hingedeutet wird, dass die Entwicklung der Pflanzen noch nicht abgeschlossen ist.

Der Titel der Arbeit bezieht sich auf die Auswanderung von Jüdinnen und Juden aus Israel. Vor allem junge Menschen verlassen gegenwärtig das Land, doch wer aus Israel auswandert, wird für manche zum »Abtrünnigen«. Seit über 2000 Jahren leben Jüdinnen und Juden in der Diaspora auf der ganzen Welt. In der Shoah fand ihre Verfolgung und die Vernichtung vieler Leben einen grausamen Höhepunkt. Seitdem werden Begriffe wie »Herkunft« oder »Heimat« von ihnen differenzierter betrachtet. Das reflektiert sich besonders in der Bedeutung der Ausdrücke Yerida und Aliya.  Im Hebräischen beschreibt das Wort Yerida Menschen, die Israel verlassen. Das Verlassen des Gelobten Landes Israel bedeutet Abstieg. Aliya, die Einwanderung nach Israel, hingegen ist der »Aufstieg«. Wer kommt, wird erhöht. Wer geht, gleitet ab. 

Entgegen dem negativ konnotierten Hinabgehen aus dem Heiligen Land versinnbildlicht [Fuchs] erneut durch die Pflanzen, dass ein vermeintlich festgeschriebenes Gesetz, das kulturell gewachsen und weitergegeben wurde, aufgebrochen werden und eine Entwicklung zugelassen werden kann. Aus erstarrt anmutenden Geschichten können neue entstehen. Wie die Pflanzen sind die Menschen in einem fortwährenden Prozess der Veränderung. Durch das Sichtbarmachen des Transformationsprozesses der Pflanze öffnet die Künstlerin Denk- und Dialogräume zu existenziellen Fragen nach Herkunft oder darüber, was Identität bedeute.

Karoline Schmidt, Kuratorin der Ausstellung: Tu BiShvat – Fest der Bäumein der Kunstsammlungen Chemnitz Museum, Chemnitz, June 2021

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Kunstsammlungen Chemnitz, 2021 Photos: @graukarte.info
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Kunstsammlungen Chemnitz, 2021 Photos: @graukarte.info
Michal Fuchs bildende Kunst
Kunstsammlungen Chemnitz, 2021 Photos: @graukarte.info